Samstag, 21. Januar 2012

Samstag, 21.1.2012



VERDINGLICHT UNS DIE “PSYCHOLOGIE“?

Was für solche Tendenzen der Selbstverdinglichung verantwortlich zu machen ist, lässt sich aufgrund unserer bisherigen Überlegungen wohl am besten nur wieder mit dem Begriff der “Anerkennungsvergessenheit“ beschreiben: Die Modi des Beobachtens oder Herstellens können in der personalen Selbstbeziehung nur dann Platz greifen, wenn die “Subjekte“ zu vergessen beginnen, dass ihre Wünsche und Empfindungen es wert sind, artikuliert und angeeignet zu werden. (...)

Um nämlich überhaupt zu wissen, was es heisst, Wünsche, Gefühle oder Absichten zu haben, müssen wir diese vorgängig als einen bejahenswerten Teil  unserer Selbst erlebt haben, den es uns und anderen Interaktionspartnern verständlich zu machen gilt.(...)

Gerät diese vorgängige Selbstbejahung in Vergessenheit, wird sie ignoriert oder vernachlässigt, so entsteht Raum für Formen der Selbstbeziehung, die sich als “Verdinglichungen“ seiner selbst beschreiben lassen; denn die eigenen Wünsche und Empfindungen werden dann wie dingliche Objekte erfahren, die passiv beobachtet oder aktiv erzeugt werden können.
Auch die individuelle Selbstbeziehung setzt eine spezifische Art der vorgängigen Anerkennung voraus, weil sie von uns verlangt, unsere Wünsche und Absichten als artikulationsbedürftigen Teil unseres eigenen Selbst zu verstehen; eine Tendenz zur Selbstverdinglichung entsteht meiner Auffassung hingegen immer dann, wenn wir diese vorauslaufende Selbstbejahung (wieder) zu vergessen beginnen, indem wir unsere psychischen Empfindungen nur noch als entweder zu beobachtende oder herzustellende Gegenstände begreifen. (...)

Als Beispiele für institutionalisierte Praktiken, die heute eine solche Entwicklungsrichtung nehmen, können hier gleichermassen das Bewerbungsgespräch oder die internetvermittelte Partnersuche stehen. Während Bewerbungsgespräche in früheren Zeiten zumeist die Funktion besassen, anhand von schriftlichen Dokumenten oder abverlangten Fähigkeitsbeweisen die Eignung eines Bewerbers für eine spezifische Tätigkeit zu überprüfen, nehmen sie inzwischen nach Auskunft der Arbeitssoziologie häufig einen ganz anderen Charakter an: Sie ähneln zunehmend Verkaufsgesprächen, weil sie vom Bewerber verlangen, sein zukünftiges Arbeitsengagement möglichst überzeugend und effektvoll zu inszenieren, anstatt über bereits erworbene Qualifikationen zu berichten.
Diese Aufmerksamkeitsverlagerung von der Vergangenheit in die Zukunft zwingt den Betroffenen mit aller Wahrscheinlichkeit eine Perspektive auf, in der sie ihre eigenen, arbeitsbezogenen Einstellungen und Empfindungen als etwas zu begreifen lernen, das sie wie “Gegenstände“ zukünftig hervorzubringen haben werden; und je häufiger ein Subjekt solchen Inszenierungszumutungen ausgesetzt ist, desto eher wird es die Tendenz entwickeln, alle seine Wünsche und Absichten nach dem Muster beliebig manipulierbarer Dinge zu erfahren.

In die andere Richtung der Selbstverdinglichung, diejenige, in der die eigenen Empfindungen bloss noch passiv beobachtet und registriert werden, weisen heute hingegen Praktiken, die mit der Benutzung des Internets als Mittel der Partnersuche entstanden sind. Hier zwingt die Art der standardisierten Kontaktaufnahme die jeweiligen Benutzer zunächst dazu, ihre Eigenschaften in dafür vorgesehene, skalierte Rubriken einzutragen, während sie nach der Feststellung von sich hinreichend überlappenden Eigenschaften dann als elektronisch ausgewählte Paare dazu angehalten werden, über ihre Gefühle füreinander sich wechselseitig in schnellem Zeittakt von E-Mail-Nachrichten zu informieren. Es bedarf keiner grossen Phantasie, um sich auszumalen, wie auf diesem Weg eine Form von Selbstbeziehung gefördert wird, in der die eigenen Wünsche und Absichten nicht mehr im Lichte persönlicher Begegnungen artikuliert, sondern nach Massgabe beschleunigter Informationsverarbeitung nur noch erfasst und gleichsam vermarktet werden.

(Aus: Axel Honneth; Verdinglichung)

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Beste Grüsse.

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