Kompetenz hat offenbar
irgendwie zu tun mit Zuständigkeit und mit Fähigkeit und mit Bereitschaft und
damit, dass Zuständigkeit, Fähigkeit und Bereitschaft sich in Deckung befinden,
womit gerade bei der Philosophie von Anfang an nicht unbedingt gerechnet
werden kann; denn schon immer hat es Philosophen gegeben, die für nichts
zuständig, zu manchem fähig und zu allem bereit waren.(...)
Erst war die
Philosophie kompetent für alles; dann war die Philosophie kompetent für
einiges; schliesslich ist die Philosophie kompetent nur noch für eines: nämlich
für das Eingeständnis der eigenen Inkompetenz. Und das lief so: Die Philosophie
wurde im Laufe ihres beschwerlichen Lebens mindestens dreimal aufs äusserste
herausgefordert, dabei überfordert und so schliesslich erschöpft, ausgezehrt
und – von Kompetenten, also Mitbewerbern: und zwar hier in Dingen Kompetenz –
aus dem Rennen geworfen. Da war früh: nämlich von der Bibel her – die
soteriologische Herausforderung, und da waren
- spät: nämlich bürgerlich und pseudonachbürgerlich – die technologische
und die politische Herausforderung. Die soteriologische Herausforderung
verlangte von der Philosophie, zum Heil der Menschen zu führen, aber das – und
dies zeigte sich, als das Christentum die Philosophie überbot – konnte sie
nicht: so war es um ihre Heilskompetenz geschehen und die Philosophie wurde zum
Fürsorgefall; eine Zeitlang kam sie unter als ancilla theologiae. Die
technologische Herausforderung verlangte von der Philosophie, sie solle zum
Nutzenwissen der Menschen führen; aber das – und dies zeigte sich, als die
exakten Wissenschaften die Philosophie überboten – konnte sie nicht: so war es
um ihre technologische Kompetenz geschehen und die Philosophie wurde zum
Fürsorgefall; eine Zeitlang kam sie unter als ancilla scientiae, als
Wissenschaftstheorie. Die politische Herausforderung verlangte von der
Philosophie, sie solle zum gerechten Glück der Menschen führen; aber das – und
dies zeigte sich, als die politische Praxis die Philosophie, sei es durch
Aktivität, sei es durch Sinn fürs Tunliche, Mögliche und Institutionelle
überbot – konnte sie nicht: so war es um ihre politische Kompetenz geschehen
und die Philosophie wurde zum Fürsorgefall; eine Zeitlang kam sie unter als
Magd (oder sagen wir wegen der Gleichberechtigung: als Knecht) der
Emanzipation, als Geschichtsphilosophie. (...)
Damit ist jener Sektor berührt, in bezug auf den die Philosophie das
Kompetenzmonopol ohnehin niemals hatte: die Lebensweisheit. Wo es um ihre
Äusserung geht, waren schon immer mindestens die Dichter ihre Konkurrenten. So
scheint auch eine Spezialität gefährdet, die die Philosophie hat, wo man
definieren kann: Philosophie, das ist die Altersweisheit der noch nicht Alten:
Simulation von Lebenserfahrung für die und durch die, die noch keine haben.
Hier wird der biologische Prozess zum Angriff auf diese Kompetenz: immerhin
werden sogar Philosophen älter, wenn man es auch manchmal nicht merkt, und dann
können sie – das vermute ich einstweilen nur und auch nur manchmal –
Philosophie durch wirkliche Altersweisheit ersetzen und brauchen die
Philosophie nicht mehr. (...)
Es gäbe sie nicht – diese Inkompetenzkompensationskompetenz - wenn es nur die Inkompetenz der Philosophie
gäbe und nicht auch ihre Kompetenznostalgie. Alle reden von Nostalgie: ich
auch. Etwas zu sein: danach sehnt sich die Philosophie; und sie war etwas: das kann
sie nicht vergessen, auch nicht dadurch, dass sie sich einredet, sie sei noch
etwas, wenn sie das Überflüssige ist. Sie ist zwar – als das Inkompetente – tatsächlich
das Überflüssige, aber sie ist es eben nicht einfachhin, sondern sie ist
kompetenznostalgisch jenes Überflüssige, das in das Nützliche verliebt ist, und
zwar unglücklich. (...)
Darum wirkt die Überflüssigkeit als
Rechtfertigungskategorie auch nur dort – wenn auch nicht perfekt – lindernd, wo
eine Theorie der Nützlichkeit des Überflüssigen hinzutritt: etwa dadurch, dass
man Veblens Kategorie der stellvertretenden Musse, die bei den feinen Leuten
einstmals von Frauen und Dienstboten absolviert wurde, auf die Philosophen
ausdehnt; denn häufig sind die Philosophen tatsächlich ebendies:
stellvertretende Müssiggänger auf der Suche nach feinen Leuten; darum halten
sie sich gerne bei den Herrschenden auf und noch lieber bei den künftigen
Herrschenden, am liebsten bei jenen künftigen Herrschenden, die auch jetzt
schon herrschen (...)
Der Philosoph wird Parasit als Status-Symbol. (...)
Das Parasitäre
versteht sich immer von selbst: Diesen Satz nicht gelten lassen wollen und
gleichwohl selbstverständlich das Parasitäre zu sein: das ist die Philosophie;
und wo sie Gewissen hat, quält sie das; und wo sie ihre Kompetenzen verloren
hat, aber nicht den Eindruck, dass sie hier welche haben sollte, ist sie dieser
Qual unmittelbar und daher schutzlos ausgesetzt. (...)
Dadurch will sie jener
Qual des Gewissenhabens entkommen, indem sie bei einer Anklage entweder nicht
die Adresse zu sein versucht oder aber der Adressierer, entweder nicht
zurechnungsfähig oder der Zurechner selber: sie entflieht dem Gewissenhaben
entweder in Varianten des Garnichts oder ins Gewissensein. (...)
Diese beiden
Möglichkeiten der Inkompetenzkompensation, die ich hier anvisiert habe: die
Stilisierung der Philosophie zur absoluten Instanz oder ihre Selbstverwandlung
in ein gerade noch lebensfähiges Nichts – im Grunde Ersatzgestalten und
Nachfolgeformen uralter Fraktionen der Philosophie: des Dogmatismus und des
Skeptizismus – möchte ich jetzt nacheinander einschlägig charakterisieren.
... scheint mir dieser ziemlich unbehagliche Konnex angedeutet, dass jemand, der Gewissen wird, sich dadurch die Notwendigkeit ersparen kann, Gewissen zu haben ...
Der Dogmatismus nennt sich heutzutage Kritik und ist – wie ich sagte –
die Position der Totalkompetenz der Philosophie durch die Flucht aus dem
Gewissenhaben in das Gewissensein. In Freuds Theorie der Ökonomie des Über-Ich
scheint mir dieser ziemlich unbehagliche Konnex angedeutet, dass jemand, der
Gewissen wird, sich dadurch die Notwendigkeit ersparen kann, Gewissen zu haben:
das muss nicht so laufen, erklärt aber, warum Kritik wohl häufig nicht wegen
der Kritik, sondern gerade als Entlastung durch diesen Vermeidungsertrag
attraktiv werden kann. Drum auch darf man im Hause der Kritik nicht von
Entlastung sprechen: das kommt der Sache zu nahe. Die Kritik verdächtigt alles
und klagt alles an und sitzt über alles zu Gericht. (...)
Die Philosophie:
sie “hatte“ Gewissen, aber das hat sie,
indem sie absolut vorn ist, hinter sich: statt dessen “ist“ sie nun Gewissen,
und zwar das absolute.(...)
Die andere Möglichkeit ist die Nachfolgegestalt des Skeptizismus: es ist
die Position der in Kauf genommenen totalen Inkompetenz der Philosophie durch
die Flucht aus dem Gewissenhaben in eine mehr oder weniger temperierte
Unzurechnungsfähigkeit und also Nichtpräsenz der Philosophie bzw. des
Philosophen. (...)
Wo die Philosophie kompetenzunsicher, wo sie zunehmend inkompetent und
kompetenznostalgisch wird: da will sie schliesslich entweder alles sein oder
nichts. Beide Möglichkeiten – die weitaus mehr identisch miteinander sind, als
ihnen lieb sein kann – hatte ich anvisiert; (...)
sie sind
Inkompetenzkompensationen. Rechtfertigt das die Rede von einer Kompetenz, einer
Inkompetenzkompensationskompetenz der Philosophie? (...)
Freilich: Kompetenz
lässt an Leistung denken; doch was ich beschrieb, waren Fehlleistungen. Die Philosophie:
vielleicht hat sie – ich lasse das offen und sage es mit Vorbehalt – heute
keine Chance, keine Fehlleistung zu sein; vielleicht hat sie nur die Chance,
dies sich einzugestehen. Sie hätte dann keine Vollmacht und wäre nicht sie
selbst, sondern bestenfalls täte sie etwas statt dessen. Wo sie das in Rechnung
stellt: vielleicht würde sie da menschlich, denn Menschen sind ja die, die
etwas statt dessen tun.