Donnerstag, 26. Januar 2012

Samstag, 28.01.2012


DER QUANTENHAHN


Stellen Sie sich einen Wasserhahn mit zwei Reglern vor, einen mit H für heisses und einen mit K für kaltes Wasser, die sich beide auf- und zudrehen lassen. Das Wasser kommt aus dem Hahn geströmt, aber etwas an dem System ist komisch: entweder ist das Wasser kochend heiss oder eiskalt; Zwischengrade gibt es nicht. Man nennt dies die beiden Temperatur-Eigenzustände des Wassers. Die einzige Möglichkeit, herauszubekommen, in welchem Eigenzustand sich das Wasser befindet, ist, die Hand hineinzuhalten und es zu fühlen. Der orthodoxen Quantenmechanik nach verhält es sich eigentlich etwas komplizierter. Das Wasser gerät in den  einen oder anderen Eigenzustand dadurch, dass man die Hand hineinhält. Bis zu diesem Augenblick befindet sich das Wasser sozusagen in einer Überlagerung von Zuständen.

Abhängig von der Einstellung der beiden Regler variiert die Wahrscheinlichkeit, kaltes Wasser zu bekommen. Natürlich wird immer heisses Wasser fliessen, wenn man nur den H-Regler öffnet, und ganz bestimmt eiskaltes Wasser, wenn man nur den K-Regler aufdreht. Öffnet man aber beide Regler, schafft man eine Zustandsüberlagerung. Indem man das bei einer Einstellung immer wieder ausprobiert, kann man die Wahrscheinlichkeit messen, mit der bei dieser Einstellung kaltes Wasser zu erwarten ist. (...) 




Wiki: Douglas Hofstadter ist der Sohn des Physik-Nobelpreisträgers Robert Hofstadter. Er verbrachte seine Jugend in Genf, studierte bis 1965 an der Stanford University und bis 1972 an der University of Oregon, wo er 1975 in Physik promovierte. Er hat zwei Kinder. Seine Frau, die er 1985 heiratete, ist im Jahr 1993 verstorben.



Es ist wie beim Knobeln mit einer Münze. (Dieser Quanten-Wasserhahn erinnert fürchterlich an manch eine Badezimmerdusche...) Schliesslich kann man hinreichend viele Daten zusammenbekommen, um einen Graph der Wahrscheinlichkeit kalten Wassers als Funktion der Reglerstellungen zu zeichnen.Quantenphänomene haben das eben so an sich: (...)


Solange das System keiner Messung unterzogen wird, kann ein Physiker nicht wissen, in welchem Eigenzustand sich das System befindet. In einem sehr fundamentalen Sinn “weiss“ das System selbst nicht, in welchem Eigenzustand es sich befindet, und entscheidet sich sozusagen erst in dem Moment, und das ganz nach Belieben, in dem die Hand des Beobachters hineinlangt, um „das Wasser zu testen“. Bis hin zum Moment der Beobachtung verhält sich das System, als sei es nicht in einem Eigenzustand. Für sämtliche praktischen Zwecke, für sämtliche theoretischen Zwecke – überhaupt für alle Zwecke – gilt, dass das System  sich nicht in einem Eigenzustand befindet. (...)

Die Vorstellung, dass das Bewusstsein für den “Zusammenbruch der Wellenfunktion“ – ein plötzlicher Sprung in einen willkürlich ausgesuchten reinen Eigenzustand – verantwortlich ist, ebnet den Weg zu weiteren Absurditäten. Es würde beispielsweise bedeuten, dass sich in den ersten Zigmilliarden Jahren des Universums überhaupt nie je etwas getan hat, bis eines Tages vor etwa einer Million Jahren irgendein menschliches Wesen erwachte – und das war der Moment, als es zum Kollaps der enorm angeschwollenen universellen Wellenfunktion kam, und zu ihrem Ende in einer Welt -; er blinzelte, liess seinen Blick schweifen, und was sahen seine Augen? Mesopotamien oder  Kenia... Als Alternative bleibt nur, dass ein Beobachter – ein Objekt, das den Zusammenbruch einer Wellenfunktion herbeiführt – nicht unbedingt Bewusstsein haben, sondern nur makroskopisch sein muss. Aber ist ein makroskopisches  nicht einfach eine Ansammlung mikroskopischer Objekte? Wie “wüsste“ eine Wellenfunktion, dass sie es mit einem makroskopischen Objekt zu tun hat? Konkreter ausgedrückt, was hat es mit einem Schirm auf sich, der ein Elektron dazu bringt, sich zu zeigen?


Aus: Douglas R. Hofstadter; Metamagicum
Amazon: http://www.amazon.de/Metamagicum-Douglas-R-Hofstadter/dp/342330426X

Samstag, 21. Januar 2012

Samstag, 21.1.2012



VERDINGLICHT UNS DIE “PSYCHOLOGIE“?

Was für solche Tendenzen der Selbstverdinglichung verantwortlich zu machen ist, lässt sich aufgrund unserer bisherigen Überlegungen wohl am besten nur wieder mit dem Begriff der “Anerkennungsvergessenheit“ beschreiben: Die Modi des Beobachtens oder Herstellens können in der personalen Selbstbeziehung nur dann Platz greifen, wenn die “Subjekte“ zu vergessen beginnen, dass ihre Wünsche und Empfindungen es wert sind, artikuliert und angeeignet zu werden. (...)

Um nämlich überhaupt zu wissen, was es heisst, Wünsche, Gefühle oder Absichten zu haben, müssen wir diese vorgängig als einen bejahenswerten Teil  unserer Selbst erlebt haben, den es uns und anderen Interaktionspartnern verständlich zu machen gilt.(...)

Gerät diese vorgängige Selbstbejahung in Vergessenheit, wird sie ignoriert oder vernachlässigt, so entsteht Raum für Formen der Selbstbeziehung, die sich als “Verdinglichungen“ seiner selbst beschreiben lassen; denn die eigenen Wünsche und Empfindungen werden dann wie dingliche Objekte erfahren, die passiv beobachtet oder aktiv erzeugt werden können.
Auch die individuelle Selbstbeziehung setzt eine spezifische Art der vorgängigen Anerkennung voraus, weil sie von uns verlangt, unsere Wünsche und Absichten als artikulationsbedürftigen Teil unseres eigenen Selbst zu verstehen; eine Tendenz zur Selbstverdinglichung entsteht meiner Auffassung hingegen immer dann, wenn wir diese vorauslaufende Selbstbejahung (wieder) zu vergessen beginnen, indem wir unsere psychischen Empfindungen nur noch als entweder zu beobachtende oder herzustellende Gegenstände begreifen. (...)

Als Beispiele für institutionalisierte Praktiken, die heute eine solche Entwicklungsrichtung nehmen, können hier gleichermassen das Bewerbungsgespräch oder die internetvermittelte Partnersuche stehen. Während Bewerbungsgespräche in früheren Zeiten zumeist die Funktion besassen, anhand von schriftlichen Dokumenten oder abverlangten Fähigkeitsbeweisen die Eignung eines Bewerbers für eine spezifische Tätigkeit zu überprüfen, nehmen sie inzwischen nach Auskunft der Arbeitssoziologie häufig einen ganz anderen Charakter an: Sie ähneln zunehmend Verkaufsgesprächen, weil sie vom Bewerber verlangen, sein zukünftiges Arbeitsengagement möglichst überzeugend und effektvoll zu inszenieren, anstatt über bereits erworbene Qualifikationen zu berichten.
Diese Aufmerksamkeitsverlagerung von der Vergangenheit in die Zukunft zwingt den Betroffenen mit aller Wahrscheinlichkeit eine Perspektive auf, in der sie ihre eigenen, arbeitsbezogenen Einstellungen und Empfindungen als etwas zu begreifen lernen, das sie wie “Gegenstände“ zukünftig hervorzubringen haben werden; und je häufiger ein Subjekt solchen Inszenierungszumutungen ausgesetzt ist, desto eher wird es die Tendenz entwickeln, alle seine Wünsche und Absichten nach dem Muster beliebig manipulierbarer Dinge zu erfahren.

In die andere Richtung der Selbstverdinglichung, diejenige, in der die eigenen Empfindungen bloss noch passiv beobachtet und registriert werden, weisen heute hingegen Praktiken, die mit der Benutzung des Internets als Mittel der Partnersuche entstanden sind. Hier zwingt die Art der standardisierten Kontaktaufnahme die jeweiligen Benutzer zunächst dazu, ihre Eigenschaften in dafür vorgesehene, skalierte Rubriken einzutragen, während sie nach der Feststellung von sich hinreichend überlappenden Eigenschaften dann als elektronisch ausgewählte Paare dazu angehalten werden, über ihre Gefühle füreinander sich wechselseitig in schnellem Zeittakt von E-Mail-Nachrichten zu informieren. Es bedarf keiner grossen Phantasie, um sich auszumalen, wie auf diesem Weg eine Form von Selbstbeziehung gefördert wird, in der die eigenen Wünsche und Absichten nicht mehr im Lichte persönlicher Begegnungen artikuliert, sondern nach Massgabe beschleunigter Informationsverarbeitung nur noch erfasst und gleichsam vermarktet werden.

(Aus: Axel Honneth; Verdinglichung)

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Beste Grüsse.

Freitag, 13. Januar 2012

Samstag, 14.01.2012


Inkompetenzkompensationskompetenz?


AUS: Odo Marquard; Abschied vom Prinzipiellen –Philosophische Studien
Wiki: http://de.wikipedia.org/wiki/Inkompetenzkompensationskompetenz
Amazon: http://www.amazon.de/Zukunft-braucht-Herkunft-Philosophische-Essays/dp/3150500400



Zunächst also – in einigen  pauschalen Andeutungen – über die Reduktion der Kompetenz der Philosophie. Was bedeutet dabei Kompetenz? (...)

Kompetenz hat offenbar irgendwie zu tun mit Zuständigkeit und mit Fähigkeit und mit Bereitschaft und damit, dass Zuständigkeit, Fähigkeit und Bereitschaft sich in Deckung befinden, womit  gerade bei der Philosophie  von Anfang an nicht unbedingt gerechnet werden kann; denn schon immer hat es Philosophen gegeben, die für nichts zuständig, zu manchem fähig und zu allem bereit waren.(...)

Erst war die Philosophie kompetent für alles; dann war die Philosophie kompetent für einiges; schliesslich ist die Philosophie kompetent nur noch für eines: nämlich für das Eingeständnis der eigenen Inkompetenz. Und das lief so: Die Philosophie wurde im Laufe ihres beschwerlichen Lebens mindestens dreimal aufs äusserste herausgefordert, dabei überfordert und so schliesslich erschöpft, ausgezehrt und – von Kompetenten, also Mitbewerbern: und zwar hier in Dingen Kompetenz – aus dem Rennen geworfen. Da war früh: nämlich von der Bibel her – die soteriologische Herausforderung, und da waren  - spät: nämlich bürgerlich und pseudonachbürgerlich – die technologische und die politische Herausforderung. Die soteriologische Herausforderung verlangte von der Philosophie, zum Heil der Menschen zu führen, aber das – und dies zeigte sich, als das Christentum die Philosophie überbot – konnte sie nicht: so war es um ihre Heilskompetenz geschehen und die Philosophie wurde zum Fürsorgefall; eine Zeitlang kam sie unter als ancilla theologiae. Die technologische Herausforderung verlangte von der Philosophie, sie solle zum Nutzenwissen der Menschen führen; aber das – und dies zeigte sich, als die exakten Wissenschaften die Philosophie überboten – konnte sie nicht: so war es um ihre technologische Kompetenz geschehen und die Philosophie wurde zum Fürsorgefall; eine Zeitlang kam sie unter als ancilla scientiae, als Wissenschaftstheorie. Die politische Herausforderung verlangte von der Philosophie, sie solle zum gerechten Glück der Menschen führen; aber das – und dies zeigte sich, als die politische Praxis die Philosophie, sei es durch Aktivität, sei es durch Sinn fürs Tunliche, Mögliche und Institutionelle überbot – konnte sie nicht: so war es um ihre politische Kompetenz geschehen und die Philosophie wurde zum Fürsorgefall; eine Zeitlang kam sie unter als Magd (oder sagen wir wegen der Gleichberechtigung: als Knecht) der Emanzipation, als Geschichtsphilosophie. (...)

Damit ist jener Sektor berührt, in bezug auf den die Philosophie das Kompetenzmonopol ohnehin niemals hatte: die Lebensweisheit. Wo es um ihre Äusserung geht, waren schon immer mindestens die Dichter ihre Konkurrenten. So scheint auch eine Spezialität gefährdet, die die Philosophie hat, wo man definieren kann: Philosophie, das ist die Altersweisheit der noch nicht Alten: Simulation von Lebenserfahrung für die und durch die, die noch keine haben. Hier wird der biologische Prozess zum Angriff auf diese Kompetenz: immerhin werden sogar Philosophen älter, wenn man es auch manchmal nicht merkt, und dann können sie – das vermute ich einstweilen nur und auch nur manchmal – Philosophie durch wirkliche Altersweisheit ersetzen und brauchen die Philosophie nicht mehr. (...)

Es gäbe sie nicht – diese Inkompetenzkompensationskompetenz  - wenn es nur die Inkompetenz der Philosophie gäbe und nicht auch ihre Kompetenznostalgie. Alle reden von Nostalgie: ich auch. Etwas zu sein: danach sehnt sich die Philosophie; und sie war etwas: das kann sie nicht vergessen, auch nicht dadurch, dass sie sich einredet, sie sei noch etwas, wenn sie das Überflüssige ist. Sie ist zwar – als das Inkompetente – tatsächlich das Überflüssige, aber sie ist es eben nicht einfachhin, sondern sie ist kompetenznostalgisch jenes Überflüssige, das in das Nützliche verliebt ist, und zwar unglücklich. (...)

Darum wirkt die Überflüssigkeit als Rechtfertigungskategorie auch nur dort – wenn auch nicht perfekt – lindernd, wo eine Theorie der Nützlichkeit des Überflüssigen hinzutritt: etwa dadurch, dass man Veblens Kategorie der stellvertretenden Musse, die bei den feinen Leuten einstmals von Frauen und Dienstboten absolviert wurde, auf die Philosophen ausdehnt; denn häufig sind die Philosophen tatsächlich ebendies: stellvertretende Müssiggänger auf der Suche nach feinen Leuten; darum halten sie sich gerne bei den Herrschenden auf und noch lieber bei den künftigen Herrschenden, am liebsten bei jenen künftigen Herrschenden, die auch jetzt schon herrschen (...)

Der Philosoph wird Parasit als Status-Symbol. (...)

Das Parasitäre versteht sich immer von selbst: Diesen Satz nicht gelten lassen wollen und gleichwohl selbstverständlich das Parasitäre zu sein: das ist die Philosophie; und wo sie Gewissen hat, quält sie das; und wo sie ihre Kompetenzen verloren hat, aber nicht den Eindruck, dass sie hier welche haben sollte, ist sie dieser Qual unmittelbar und daher schutzlos ausgesetzt. (...)

Dadurch will sie jener Qual des Gewissenhabens entkommen, indem sie bei einer Anklage entweder nicht die Adresse zu sein versucht oder aber der Adressierer, entweder nicht zurechnungsfähig oder der Zurechner selber: sie entflieht dem Gewissenhaben entweder in Varianten des Garnichts oder ins Gewissensein. (...)

Diese beiden Möglichkeiten der Inkompetenzkompensation, die ich hier anvisiert habe: die Stilisierung der Philosophie zur absoluten Instanz oder ihre Selbstverwandlung in ein gerade noch lebensfähiges Nichts – im Grunde Ersatzgestalten und Nachfolgeformen uralter Fraktionen der Philosophie: des Dogmatismus und des Skeptizismus – möchte ich jetzt nacheinander einschlägig charakterisieren.

... scheint mir dieser ziemlich unbehagliche Konnex angedeutet, dass jemand, der Gewissen wird, sich dadurch die Notwendigkeit ersparen kann, Gewissen zu haben ...

Der Dogmatismus nennt sich heutzutage Kritik und ist – wie ich sagte – die Position der Totalkompetenz der Philosophie durch die Flucht aus dem Gewissenhaben in das Gewissensein. In Freuds Theorie der Ökonomie des Über-Ich scheint mir dieser ziemlich unbehagliche Konnex angedeutet, dass jemand, der Gewissen wird, sich dadurch die Notwendigkeit ersparen kann, Gewissen zu haben: das muss nicht so laufen, erklärt aber, warum Kritik wohl häufig nicht wegen der Kritik, sondern gerade als Entlastung durch diesen Vermeidungsertrag attraktiv werden kann. Drum auch darf man im Hause der Kritik nicht von Entlastung sprechen: das kommt der Sache zu nahe. Die Kritik verdächtigt alles und klagt alles an und sitzt über alles zu Gericht. (...)

Die Philosophie: sie  “hatte“ Gewissen, aber das hat sie, indem sie absolut vorn ist, hinter sich: statt dessen “ist“ sie nun Gewissen, und zwar das absolute.(...)

Die andere Möglichkeit ist die Nachfolgegestalt des Skeptizismus: es ist die Position der in Kauf genommenen totalen Inkompetenz der Philosophie durch die Flucht aus dem Gewissenhaben in eine mehr oder weniger temperierte Unzurechnungsfähigkeit und also Nichtpräsenz der Philosophie bzw. des Philosophen. (...)

Wo die Philosophie kompetenzunsicher, wo sie zunehmend inkompetent und kompetenznostalgisch wird: da will sie schliesslich entweder alles sein oder nichts. Beide Möglichkeiten – die weitaus mehr identisch miteinander sind, als ihnen lieb sein kann – hatte ich anvisiert; (...)

sie sind Inkompetenzkompensationen. Rechtfertigt das die Rede von einer Kompetenz, einer Inkompetenzkompensationskompetenz der Philosophie? (...)

Freilich: Kompetenz lässt an Leistung denken; doch was ich beschrieb, waren Fehlleistungen. Die Philosophie: vielleicht hat sie – ich lasse das offen und sage es mit Vorbehalt – heute keine Chance, keine Fehlleistung zu sein; vielleicht hat sie nur die Chance, dies sich einzugestehen. Sie hätte dann keine Vollmacht und wäre nicht sie selbst, sondern bestenfalls täte sie etwas statt dessen. Wo sie das in Rechnung stellt: vielleicht würde sie da menschlich, denn Menschen sind ja die, die etwas statt dessen tun.

Mittwoch, 4. Januar 2012

Samstag, 07.01.2012

DIE WELT ALS VORSTELLUNG
Arthur Schopenhauer


Die Welt ist meine Vorstellung:« – dies ist die Wahrheit, welche in Beziehung auf jedes lebende und erkennende Wesen gilt; wiewohl der Mensch allein sie in das reflektirte abstrakte Bewußtseyn bringen kann: und thut er dies wirklich; so ist die philosophische Besonnenheit bei ihm eingetreten. Es wird ihm dann deutlich und gewiß, daß er keine Sonne kennt und keine Erde; sondern immer nur ein Auge, das eine Sonne sieht, eine Hand, die eine Erde fühlt; daß die Welt, welche ihn umgiebt, nur als Vorstellung da ist, d.h. durchweg nur in Beziehung auf ein Anderes, das Vorstellende, welches er selbst ist.

Wenn irgendeine Wahrheit a priori ausgesprochen werden kann, so ist es diese: denn sie ist die Aussage derjenigen Form aller möglichen und erdenklichen Erfahrung, welche allgemeiner, als alle andern, als Zeit, Raum und Kausalität ist: denn alle diese setzen jene eben schon voraus, und wenn jede dieser Formen, welche alle wir als so viele besondere Gestaltungen des Satzes vom Grunde erkannt haben, nur für eine besondere Klasse von Vorstellungen gilt; so ist dagegen das Zerfallen in Objekt und Subjekt die gemeinsame Form aller jener Klassen, ist diejenige Form, unter welcher allein irgend eine Vorstellung, welcher Art sie auch sei, abstrakt oder intuitiv, rein oder empirisch, nur überhaupt möglich und denkbar ist. 

Keine Wahrheit ist also gewisser, von allen andern unabhängiger und eines Beweises weniger bedürftig, als diese, daß Alles, was für die Erkenntniß da ist, also die ganze Welt, nur Objekt in Beziehung auf das Subjekt ist, Anschauung des Anschauenden, mit Einem Wort, Vorstellung. Natürlich gilt Dieses, wie von der Gegenwart, so auch von jeder Vergangenheit und jeder Zukunft, vom Fernsten, wie vom Nahen: denn es gilt von Zeit und Raum selbst, in welchen allein sich dieses alles unterscheidet. Alles, was irgend zur Welt gehört und gehören kann, ist unausweichbar mit diesem Bedingtseyn durch das Subjekt behaftet, und ist nur für das Subjekt da. Die Welt ist Vorstellung.



Sonntag, 25. Dezember 2011

Feliz navidad - ein Grusswort


Frohe Festtage und hoffentlich ein 2012, das all unsere Erwartungen übertrifft, wünscht Euch

Albert


P.S.: Zur hoffnungsvollen Einstimmung auf das Neue 
ein Gedicht von Goethe und eins von Hans Magnus Enzensberger:


ELPIS (HOFFNUNG)

Doch solcher Grenze, solcher ehrnen Mauer
Höchst widerwärt’ge Pforte wird entriegelt,
Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt;
Ihr kennt sie wohl, sie schwärmt nach allen Zonen -
Ein Flügelschlag – und hinter uns Äonen.
(Goethe)



DER AUSWEG

Es gibt ihn nicht immer,
aber immerhin
öfter als du gedacht hast.
Natürlich nur dann,
wenn du am Ende bist,
findest du sie,
die schmale heimliche Stelle,
das Schlupfloch, die Hintertür.

Auf der anderen Seite
stehst du geblendet im Freien.
Kaum zu glauben:
an diesem frisch gestrichenen Tag
steht die Geschichte still,
die alte Geschichte.
Niemand brüllt.
Bis zum nächsten Mal.
(Enzensberger)

Samstag, 17. Dezember 2011

Presse

Die neuen Religionskriege - by Ronald Dworkin

Artikel in der BaZ:
Ronald Dworkin: Die neuen Religionskriege

Ronald Dworkin fordert, die Religionsfreiheit durch das Recht auf 'ethische Unabhängigkeit' zu ersetzen.

Dienstag, 13. Dezember 2011

Samstag, 17.12.2011

Aus: 
Arthur Schopenhauer

Die beiden Grundprobleme der Ethik

Gehört danach Vielheit und Geschiedenheit allein der blossen Erscheinung an, und ist es ein und das selbe Wesen, welches in allem Lebenden sich darstellt; so ist diejenige Auffassung, welche den Unterschied zwischen Ich und Nicht-Ich aufhebt, nicht die irrige: vielmehr muss die ihr entgegengesetzte dies sein. 

Auch finden wir diese letztere von den Hindus mit dem Namen Maja, d.h. Schein, Täuschung, Gaukelbild, bezeichnet. Jene erstere Ansicht ist es, welche wir als dem Phänomen des Mitleids zum Grunde liegend, dieses als den realen Ausdruck derselben gefunden haben. Sie wäre demnach die metaphysische Basis der Ethik, und bestände darin, dass das eine Individuum im anderen unmittelbar sich selbst, sein eigenes wahres Wesen wiedererkenne. 

Demnach träfe die praktische Weisheit, das Rechttun und Wohltun,  im Resultat genau zusammen mit der tiefsten Lehre der am weitesten gelangten theoretischen Weisheit; und der praktische Philosoph, d.h. der Gerechte, Wohltätige, der Edelmütige, spräche durch die Tat nur die selbe Erkenntnis aus, welche das Ergebnis des grössten Tiefsinns und der mühseligsten Forschung des theoretischen Philosophen ist. 


Indessen steht die moralische Trefflichkeit höher denn alle theoretische Weisheit, als welche immer nur Stückwerk ist und auf dem langsamen Wege der Schlüsse zu dem Ziele gelangt, welches jene mit einem Schlage erreicht; und der moralisch Edle, wenn ihm auch noch so sehr die intellektuelle Trefflichkeit abgeht, legt durch sein Handeln die tiefste Erkenntnis, die höchste Weisheit an den Tag, und beschämt den Genialsten und Gelehrtesten, wenn dieser durch sein Tun verrät, dass jene grosse Wahrheit ihm doch im Herzen fremd geblieben ist.